Wiki-Gähn oder Tratsch auf hohem Niveau

Jetzt ist sie also da, die dritte große Wikileaks-Enthüllungs-Story. Nach der kargen Felslandschaft Afghanistans und den IED-gepflasterten Wüstenpisten des Irak widmen sich der SPIEGEL und andere ausgewählte internationale Medien seit vergangenem Sonntag einem weiteren heiklen Kampfschauplatz: dem blankpoliertem Parkett der internationalen Diplomatie.

Es ist ein Desaster für die US-Diplomatie. WikiLeaks hat mehr als 250.000 Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium zugespielt bekommen, interne Botschaftsberichte aus aller Welt. Sie enthüllen, wie die Supermacht die Welt wirklich sieht[...]

schreibt SPON, aber ehrlich gesagt habe ich noch nichts gelesen, was nicht ohnehin täglich an jedem zweiten Stammtisch in der Republik in der selben Tonart festgestellt wird.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel scheut nach Ansicht der US-Vertreter das Risiko? Damit stehen sie nicht alleine da:

Ob die US-Vertreter einfach heimlich vom SPIEGEL abgeschrieben haben?

Ist wirklich jemand überrascht, dass Auslandsvertreter Ihre Bewertung abseits der offiziellen Anlässe ungeschminkt weitergeben und Klartext reden? Ob Firmen-Meeting, Familientreffen oder eben diplomatischer Empfang: da wird Einvernehmen demonstriert, gelächelt und zugeprostet, werden Hände geschüttelt und Schultern geklopft – doch kaum wieder im eigenen Büro oder zu Hause angekommen, wird kräftig über die anderen abgelästert.

Abgesehen davon: ich schätze, dass es in deutschen Diplomatenkreisen ähnliche Dossiers über andererLänder und ausländische Politiker geben wird. Ein Kommentar auf SPON dazu:

Da wurden unvollständige Stakeholderanalysen (also Teile davon) veröffentlicht – schlecht. Ich wäre erschüttert, wenn die Bundesregierung ohne Stakeholderanalysen ihre Politik betreiben würde und sie tut es nicht.

Jeder, der einigermassen Verantwortung hat macht Stakeholderanalysen und ja, solche Beschreibungen sind dort nicht unüblich. Ich will ja mein Gegenüber beschreiben und greifbar machen, da gehört nicht nur das Netzwerk dazu, dass eine Person hat. Bei den Beschreibungen kommt es zudem nicht auf die “political correctness” an, sondern auf einfach treffende Beschreibungen. Denn wer möchte schon 20 A4 Seiten zu einer Person lesen. Dass muss flott gehen.

Für Wikileaks ist diese Balz mit “klassischen” Medien in meinen Augen gefährlicher als sämtliche Drohungen der US-Regierung mit juristischen Schritten. Denn wenn die Aufbereitung und Verbreitung von Inhalten einer Non-Profit-Organisation in die Hände von Medienunternehmen gelegt wird, die ihren “Enthüllungsjournalismus” längst nach wirschaftlichen Gesichtspunkten betreiben, kann das nur der eigenen Glaubwürdigkeit schaden. Mit Neutralität und Unparteilichkeit ist es damit ohnehin vorbei.

Zum Weiterlesen:

Wikileaks?
Wikileaks sollte das Rampenlicht meiden
Fefe wühlt sich auch durch

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